Warum verziehen sich 3D-gedruckte Metallbauteile?
Eigenspannungen (Residual Stresses) sind der unsichtbare Feind jedes AM-Ingenieurs. Sie entstehen durch den extrem hohen Temperaturgradienten während des Laser-Pulverbett-Schmelzprozesses (PBF-LB/M). Wenn der Laser das Metallpulver lokal aufschmilzt, dehnt sich das Schmelzbad aus. Die unmittelbar umgebenden, bereits erstarrten und kühleren Schichten behindern diese Ausdehnung jedoch. Kühlt die Schmelze anschließend rasend schnell ab (oft mit Abkühlraten von 10^4 bis 10^6 K/s), will sie schrumpfen, wird aber vom darunterliegenden, kalten Material daran gehindert. Das Ergebnis: Massive Zugspannungen an der Bauteiloberfläche.
Wenn diese Spannungen die Streckgrenze des Materials überschreiten, kommt es zum thermischen Verzug (Warping). Im schlimmsten Fall reißt das Bauteil von der Bauplatte ab oder der Recoater (Pulverauftragsmechanismus) kollidiert mit hochgebogenen Bauteilkanten, was zum sofortigen Abbruch des Druckjobs führt.
Strategien zur Spannungsreduktion
- Vorwärmen der Bauplattform: Durch das Erhitzen der Bauplatte (z. B. auf 200°C bei Aluminium oder bis zu 800°C bei Titanaluminiden in EBM-Anlagen) wird der Temperaturgradient drastisch reduziert, was das Entstehen von Spannungen von vornherein abmildert.
- Angepasste Belichtungsstrategien (Scan-Strategie): Ein "Checkerboard" (Schachbrettmuster) oder rotierende Streifenmuster (Stripes) verteilen den Wärmeeintrag gleichmäßiger über den Querschnitt und verhindern die Akkumulation von makroskopischen Spannungsfeldern.
- Massive Supportstrukturen: Wo Wärme entsteht, muss sie abgeführt werden. Feste, blockartige Supportstrukturen leiten nicht nur Wärme effizient in die Bauplatte ab, sondern verankern das Bauteil auch mechanisch gegen den Verzug.
- Spannungsarmglühen vor dem Abtrennen: Die wichtigste Regel in der Nachbearbeitung: Das Bauteil darf niemals von der Bauplatte getrennt werden, bevor es nicht samt Bauplatte im Ofen spannungsarmgeglüht (Stress Relief Heat Treatment) wurde.
Nur durch das perfekte Zusammenspiel von thermischem Management während des Drucks und der richtigen Wärmebehandlung danach lassen sich hochpräzise, maßhaltige Bauteile realisieren.
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